Unterrichtskonzept

Das Graduierungssystem

Im Yong Chun und Scirmen gibt es ein Graduierungssystem.
Grob wird zwischen Schülern und Fortgeschrittenen (Technikern) unterschieden. Außerdem gibt es Praktiker, Meisterschüler und Meister.

Inhaltlich ist die Schüler-Ausbildung in Programme unterteilt, die man sich als Schwerpunkte oder Abschnitte in der Grundausbildung vorstellen kann.

Die Schülergraduierungen sind nach diesen Programmen organisiert und reichen in der Grundstufe von A1 bis A5, der Mittelstufe von B1 bis B4 und in der Oberstufe C1 bis C3.
Danach folgt dann die Techniker- und Praktikerausbildung.

Diese komplexe Struktur ist notwendig, weil auch die Inhalte umfangreich sind und eines sukzessiven Aufbaus bedürfen.

Lernprinzipien

Unserer Meinung nach lernt der Schüler am Besten, wenn er die folgenden Lernprinzipien nutzt.

Vom Groben ins Feine

Jede Übung wird zunächst in ihren Grundzügen behandelt und dann, mit dem Fortschritt des Schülers, immer mehr optimiert.

Eine andere Ausdrucksweise dafür ist “Vom Großen ins Kleine”: Eine Bewegung ist anfangs noch groß und umständlich, wird aber mit zunehmender Verbesserung immer kleiner und effizienter.

Dabei handelt es sich übrigens um ein Prinzip, das auch außerhalb der Kampfkunst oft Anwendung findet. Zum Beispiel im “Top-Down” Ansatz zur Entwicklung von Prozessen, wiederum beispielsweise in der Informatik. In diesem Zusammenhang, genau wie in unserem, wird dadurch die Entwicklung oder Analyse einer Problemlösung durch immer genauere Betrachtung (vom Groben ins Feine) bezeichnet.

Lernen - Üben - Trainieren - Verstehen - Können

Das “Lernen” bedeutet, dass man für das Erlernen einer neuen Fertigkeit erst einmal die Grundzüge, zum Beispiel den Bewegungsablauf, kennen lernen muss. Dies erfolgt in der Regel dadurch, dass der Lehrer dem Schüler die Fertigkeit zeigt bzw. vorführt.

Durch das Wiederholen (Üben) dieser Grundzüge wird die Fertigkeit so gefestigt, dass der Schüler die Übung behalten kann.

Das Trainieren steht für die stetige Verbesserung und Einprägung der Fertigkeit; das Ziel ist es, dem Körper die Fertigkeit grundlegend ein zu arbeiten.

Verstehen: Früher oder später kommt der Punkt, an dem der Schüler die Fertigkeit versteht. Er kennt nun den tieferen Sinn und die Anwendbarkeit des Gelernten.

Das Können stellt die Spitze der Lernkette dar. Der Schüler hat sich die Fertigkeit zu Eigen gemacht, sie fein geschliffen und kann sie vollständig anwenden.

Methodik

Um unser Programm mithilfe der Lernprinzipien den Schülern bei zu bringen, bedienen wir uns verschiedener Werkzeuge.

Partnerübungen

Zum größten Teil findet unser Training durch Partnerübungen statt. Schließlich ist unser Thema die körperliche Auseinandersetzung, und die lässt sich sehr gut mit lebendigen Trainingspartnern umsetzen und üben. Das hat natürlich Konsequenzen: Zum Einen müssen wir uns gegenseitig rücksichtsvoll behandeln, damit es keine unvertretbaren Verletzungen oder negative psychische Folgen gibt. Andererseits müssen wir darauf Acht geben, zielorientiert und nicht des Zeitvertreibs halber zu trainieren. Beides sicher zu stellen, ist sowohl Aufgabe des Lehrers als auch des Schülers bzw. der Trainingspartner.

Je nach Zweck der Übung gibt es verschiedene Partnerübungen.

Drill

Um sich Abläufe einzuprägen und den “Üben”-Teil der Lernkette zu verfolgen, eigent sich beispielsweise der “Drill” sehr gut. Dabei handelt es sich um eine Partnerübung, die in einem sich wiederholenden Zyklus stattfindet.

Anwendung

Ansonsten gibt es unter anderem noch die Anwendungs-Übung, die hauptsächlich darauf abzielt, dem Schüler eine praktische Umsetzung zum Eintrainieren zu geben.

Der Grad der Gegenwehr durch den Partner wird dabei von “keine Gegenwehr” bis zu “massiver Druck” erhöht, natürlich immer unter Berücksichtigung der Sicherheit und des Wohlbefindens beider Trainingspartner.

Sparring

Natürlich zählt auch das Sparring beziehungsweise der Freikampf zu den Partnerübungen. Je nach Notwendigkeit wird Schutzausrüstung verwendet. Um spezielle Problemlösungen effizienter üben zu können, wird oft der Regelraum eingeschränkt, je nach Anforderung.

Chi-Sao oder Gefühlstraining, Reaktionstraining

Schließlich gibt es noch das “Chi-Sao” oder Gefühlstraining als spezielle Form der Partnerübung. Sinn der Übung ist es, dem Körper des Schülers automatische Entscheidungen auf Basis von (mechanischen) Krafteinflüssen ein zu pflanzen. Auch wenn das chinesische Wort “Chi” für “Energie” darin vorkommt, handelt es sich hierbei nicht um irgendwelchen Energiefluss-Hokus-Pokus.

Stellen Sie sich als Beispiel vor, dass Sie sich in nächster Nähe zu einem Kontrahenten befinden und zu Ihrem Schutz die Arme des Gegners berühren. Wenn er die Arme bewegt, spüren Sie es demnach. Das Gefühlstraining soll es ermöglichen, dass Sie je nach Angriff des Gegners die entsprechende Reaktion schnell und effizient abrufen können.

Diese “taktile” (gefühlte) Form der Entscheidung ist erwiesenermaßen schneller als eine Entscheidung auf Basis optischer (gesehener) Reize. Der Nachteil ist, dass körperlicher Kontakt notwendig ist (welcher sich aber in einem Kampf schnell herstellen lässt).

Außerdem gibt es noch das Reaktionstraining, das man sowohl mit optischen als auch taktilen Reizen umsetzen kann.

Formen oder Bewegungsmuster

Formen / Bewegungsmuster sind festgelegte Bewegungsabläufe, welche es dem Schüler erlauben, ohne Partner seinen Körper zu trainieren und seine Techniken zu verbessern.

Wenn man sich die Natur einer Form ganz besonders bildhaft vorstellen möchte, könnte man es damit vergleichen, dass ein Handwerker seine Werkzeuge zuhause im Wohnzimmer auspackt und eines nach dem anderen zur Übung so bewegt, wie es optimalerweise sein sollte.

Die Form dient aber nicht nur zum Verfeinern der Technik, sondern auch meditativen Zwecken und der Konditionierung des Körpers.

Offensichtlicher Weise fehlt der Form die Anwendung, aber es ist eine sehr gute Methode zum Feinschliff und der Reflexion ohne Ablenkung durch Dritte.

Schlagtraining

Schlagtraining kann mit Schlagpratzen als Partnerübung oder eigenständig mit dem Box- oder Wandsack ausgeübt werden. Es dient der technisch besseren Schlagausführung, Kraftübertragung, Koordination, Entfernungseinschätzung und der Balance. Außerdem kann gerade mit Schlagpratzen auch das Reaktionstraining sinnvoll einfließen.

Nicht zuletzt ist das Schlagtraining am Sandsack oder mit den Pratzen auch eine hervorragende Fitnessübung.